Predigt zu Römer 12 vom 10.01.2016

Liebe Leserinnen und Leser, die Predigt vom vergangenen Sonntag stelle ich gerne zum Nachlesen zur Verfügung. Es gilt das gesprochene Wort.

I.

Liebe Gemeinde,

Gottesdienst, das ist Wort. Das wissen und kennen wir. Viele schätzen das auch. Für den einen oder die andere könnte es vielleicht auch etwas weniger Wort sein – aber wenn ich hier und heute aus diesem Gottesdienst ein interaktives Miteinander machen würde und jede und jeder genötigt wäre, vom Platz aufzustehen und etwas zu tun, würde das sicherlich nicht nur Anklang finden.

Gottesdienst ist aber auch Tat, so lesen wir es heute bei Paulus in unserem Predigttext, eine Brief, den er an die Gemeinde in Rom schreibt. Keine Angst – Sie dürfen alle sitzen bleiben, Paulus hat es auch nicht auf die bei didaktisch versierten Lehrenden sogenannten „aktivierenden Methoden“ abgesehen, die ich auch schon immer mal in eine Predigt einbauen wollte, nein, er schreibt nicht vom sonntäglichen, sondern viel mehr von unserem alltäglichen Handeln. Hören Sie den ersten Teil unseres Predigttextes aus dem 12. Kapitel, die Verse 1-3:

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage euch durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

II.

Paulus ruft die Gemeinde auf, sich als lebendiges Opfer hinzugeben. Das darf nicht missverstanden werden. Der Opferkult war im alten Rom Gang und Gäbe, es wurden allerdings Tiere geopfert, um die Götter milde zu stimmen, es wurde das geopfert, wo von man glaubte, dass es den Göttern ein Wohlgefallen sei. Paulus greift diesen Brauch auf, ruft aber dazu auf, durch das eigene Handeln zu tun, woran Gott Wohlgefallen empfindet. In einer Übersetzung des Hannoveraner Pastors Christian Burandt wird die Aussage des Textes noch deutlicher, er formuliert es so: Bringt euch mit Leib und Seele als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer dar. Das sei euer dem Wort entspringender Gottesdienst. Oder um es mit den Zeilen eines bekannten Liedes zu sagen: Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe sind Worte und Taten. Für uns mag der sonntägliche Gottesdienst der Einkehr, der Umkehr, der Bestärkung dienen – tags darauf sollen wir aber, so Paulus, durch unser Handeln auch Gottesdienst feiern. Bleibt die Frage, woran der Gott an den wir glauben, nun seinen Wohlgefallen findet. Wir haben in der Lesung (Jesaja 42, 1-4) gehört, dass es sein Sohn ist, an dem er Wohlgefallen findet – eine Vorhersagung in Jesaja, die dann im 12. Kapitel des Matthäusevangeliums (Vers 20) wieder aufgegriffen wird. Wir hören über das Handeln, dass Gott gefällt: Eben nicht schreien, das geknickte Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen. Diese Sanftmütigkeit kann Richtschnur für unser Handeln im Sinne eines gelebten Gottesdienstes sein. Es ist auch genau das, was den Zauber der Weihnachtsgeschichte für mich ausmacht, die uns vor kurzem wieder an vielen Orten und auch hier auf dem Kirchplatz sehr plastisch vorgespielt wurde: Es ist der himmlische König, der sich eben nicht den Insignien der irdischen Königsherrschaft bedient. Das Kind nicht in Purpur – sondern in Heu und Stroh, nicht im stabilen politischen Setting im Schutze eines königlichen Hofes, sondern unterwegs zwischen allen Fronten in einem Stall. So wie es mit der Weihnachtsgeschichte beginnt, so setzt es Jesus durch sein Handeln fort: Nicht laut, sondern sorgsam und fürsorglich, den Schwachen, dem bereits geknickten Rohr, zugewandt.

III.

Viele von uns handeln bereits so – engagieren sich, gerade jetzt, aber auch schon seit langem. Das tut Not – heute vielleicht noch mehr als bisher. Und dann gehört es auch dazu, sich nicht zu vereinnahmen zu lassen, wenn es Menschen gibt, die z.B. die aktuellen Geschehnisse am Kölner Hauptbahnhof nutzen wollen, um eine fremdenfeindliche Stimmung im Land zu schüren – was ihnen leider gelingt. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom – und ich lese es noch einmal in der, wie ich finde sehr feinfühligen, Übersetzung von Pastor Burandt. „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr ein sicheres Urteil darüber gewinnt, was der Wille Gottes ist: nämlich das Gute und ihm Wohlgefällige und das Vollkommene.“

Dieses gute, wohlgefällige, das sanftmütige Handeln, das ist Gottesdienst. Kein lautes Poltern, sondern sorgsam bedachtes, reflektiertes Tun – und sich nicht vereinnahmen lassen von denen, die laut polternd durch die Straßen ziehen. Das ist in der aktuellen Situation und Diskussion um die Vorkommnisse in Köln wichtiger denn je.

Es gibt in unserer Gesellschaft sexualisierte Gewalt und Sexismus gegenüber Frauen – nicht erst seit Sylvester. Das hat auch die „Aufschrei-Debatte“ vor ein paar Jahren gezeigt. Was aber tatsächlich anders ist, ist, dass diesen Frauen nun geglaubt wird und sie nicht, wie vor einigen Jahren, oftmals belächelt wurden. Wir sollten uns hier auf unsere christlichen, auf unsere evangelischen Maßstäbe besinnen. Die sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist nicht zu tolerieren und lässt sich auch nicht durch alkoholisierte Täter oder sonst irgendwie entschuldigen. Es ist dabei aber völlig unerheblich, welcher Ethnie die Täter angehören und ob wir über den Kölner Hauptbahnhof oder das Münchner Oktoberfest sprechen. In einer EU-weiten Studie gaben 55 Prozent der Frauen an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben, wie in einem Kommentar von Margarete Stokowski auf Spiegel online zu lesen ist. Frauenrechte und Feminismus dürfen nicht instrumentalisiert werden, um Rassismus zu legitimieren, formuliert es die Bloggerin Anne Wizorek im ZDF.

Gleichwohl haben wir als uns als Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ein Selbstverständnis von Werten und Normen erarbeitet, das es kontinuierlich weiter zu entwickeln gilt, auch wenn sich unsere Gesellschaft durch die Zuwanderung von Menschen, in deren Herkunftsländern andere Werte und Normen gelten, verändert. Daher müssen wir natürlich auch über Geschlechterordnungen in arabischen und nordafrikanischen Ländern sprechen – aber wir sollten diese unterschiedlichen Debatten voneinander trennen.

Unser Handeln sollte durch den liebevollen Umgang mit anderen Menschen charakterisiert sein. Und das bedeutet in meinen Augen, „dass alle Menschen grundsätzlich das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit haben. Sowohl das Recht, nicht ohne Einverständnis angefasst zu werden als auch das Recht, anderswo – also auch hier – zu leben. Denn wenn man die einen abschiebt, müsste man konsequenterweise auch die anderen rausschmeißen,“ so formuliert es Hanno Terbuyken auf evangelisch.de. (Siehe auch dazu einen Kommentar von Antje Schrupp.)

Natürlich kostet es Kraft, Zeit und Geld, unsere Werte und Normen immer wieder so zu konkretisieren, zu kommunizieren und zu praktizieren, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft sehen, verstehen und erlernen, auf welcher Basis, welchem Konsens, auf welchem „Commen Ground“ unser Zusammenleben basiert. Aber dabei ist es völlig unerheblich, ob es um Jungen aus traditionellen muslimischen Familien, russischstämmige Christen oder um deutsche Machos geht (ebd.).

IV.

Natürlich braucht es hier Engagement, auch den Menschen gegenüber, die aus anderen Ländern nach Deutschland geflüchtet sind. Es bedarf bestimmter Gelingensbedingungen: Ein engagiertes, ehrenamtliches Handeln, so wie ich es hier im Zusammenhang mit den geflüchteten Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Bockenheim und in Frankfurt erlebe, gehört für mich genau dazu. Das ist Gottesdienst in Paulus Sinne – eben gerade weil der Dienst sanftmütig ist, weil wir uns dem geknickten Rohr zuwenden. Weil es das ist, von dem ich glaube, dass Gott seinen Wohlgefallen daran findet. Aber Paulus hat noch weitergehende Vorstellungen von diesem gottesdienstlichen Handeln, er schreibt: Denkt nicht höher von euch, als zu denken sich gebührt, sondern seid auf eine besonnene Selbsteinschätzung bedacht nach dem Maß des Glaubens, das Gott einem jeden zugeteilt hat.

Paulus sagt also nicht nur, was wir tun sollen, sondern auch wie wir über unser Handeln sprechen. Es geht bei diesem gelebten Gottesdienst also nicht darum, der Größte sein zu wollen und mit dem Geleisteten zu prahlen. Genauso wenig bedeutet es aber, dass man sein Licht unter den sprichwörtlichen Scheffel stellen soll, wie es die Evangelisten fast gleichlautend schreiben. Weder prahlen noch negieren: Beides kann man sich für das alltägliche Gottesdiensthandeln, sei es nun hier in der Kirchengemeinde, im Stadtteil oder darüber hinaus, immer wieder klar zu machen. Diese besonnene Selbsteinschätzung sollte dann auch dazu führen, sich nicht selbst zu überschätzen und mehr zu tun, als man zu tun in der Lage ist, sondern einmal „Nein“ zu sagen, wenn man keine Kraft mehr hat, zu wissen, dass man gut ist und es gut macht, es aber auch andere gibt, die gut sind und man nicht unersetzlich ist. Sondern dass man darauf vertrauen kann, dass es auch andere gibt, die sich ebenfalls engagieren können und wollen. Schließlich sollten wir bei all dem nicht vergessen, dass wir nicht aus uns selbst heraus handeln, sondern aus dem Glauben heraus, den Gott einem jeden und einer jeden von uns zugeteilt hat, wie es Paulus schreibt, – und eben nicht nur uns, sondern seiner geliebten vielfältigen Gemeinde.

V.

Über diese Vielfalt und der Herausforderung spricht Paulus dann im zweiten – weitaus bekannteren – Teil unseres Textes.

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gerne.“

Eine Frankfurter Schule hat den Slogan: „Wir sind verschieden – und das passt.“ Das trifft auch sehr gut auf das zu, was Paulus schreibt. Wir sind heute mehr denn je eine diverse und diversifizierte Gesellschaft. Wie gesagt: Es ist aufwendig und braucht kontinuierliche Aufmerksamkeit, in einer solch vielfältigen Gesellschaft die Details der Basis des Zusammenlebens zu erörtern, zu definieren und dafür einzutreten, damit diese Definitionen auch Bestand haben. Aber jenseits dessen können wir diese Vielfalt tatsächlich als ein Geschenk Gottes verstehen. Im sonntäglichen wie auch im alltäglichen Gottesdienst. Ich bin froh, dass ich nicht auch noch die Orgel spielen muss – und sie können es auch sein. Ich bin froh, dass auch in meinem sonstigen Ehrenamt, das tun kann, was ich gut und gerne mache, aber ebenso gilt das doch für unseren Arbeitsalltag. Diese wunderbare Vielfalt sollten wir als Geschenk und als Chance begreifen, auch wenn sie uns an der einen oder anderen Stelle herausfordert. Wir sollten das, was wir tun, mit Lust tun, aber ohne uns über den anderen zu erheben oder mit unserem Anteil zu prahlen. Hier können uns die Weisen aus dem Morgenland, deren Ankunft wir am gerade vergangenen Epiphaniastag gedenken, ein Vorbild sein. Sie weiten den kleinen Stall und stellen das Tor zur restlichen Welt da – die Welt zu Gast in Bethlehem, wie es Dekanin Schön am vergangenen Sonntag sagte. Diese Weisen sind zum einen jeher Sinnbild der menschlichen Vielfalt, orientieren sich aber zum anderen  hin zu dem einen Stern, der über der Krippe steht. Er zeigt ihnen den Weg und gibt ihnen Orientierung. Ich wünsche uns auch nach Weihnachten diesen Stern, wie wir es eben gesungen haben, damit wir trotz aller Vielfalt wissen, in welche Richtung wir gehen sollen, was unser gottesdienstliches Handeln sein kann, woran Gott seinen Wohlgefallen hat.

Und wenn es uns dann gelingt, in all unserer Vielfalt, aber in der Einheit Jesu Christi sanftmütig in unserem Alltag zu handeln, dann bleibt durch unser Tun der weihnachtliche Zauber auch über die Weihnachtszeit hinaus in dieser unsren einen Welt. Amen.

Drei Thesen zu Kosten und Nutzen digitalisierter Hochschullehre

Universitäre Lehre wird auch weiterhin durch Präsenzlehre dominiert. Erfolgreiche Kompetenzvermittlung wird für die Mehrheit der künftigen Studierenden Begegnungen, Beziehungen und Verbindlichkeit erfordern. Chance der Digitalisierung ist die Anreicherung der Präsenzlehre.

#1. Die Finanzierung digitaler Lehre

Die Digitalisierung der regulären universitären Lehre kostet Geld – und bringt zunächst keines ein. Daher braucht sie eine auskömmliche und dauerhafte Finanzierung, die ein Mix aus zentraler Infrastruktur und dezentraler, fachnaher Kompetenz ermöglicht. Sie muss innovative Ideen ebenso wie kontinuierliche Anwendung und notwendige Anpassung fördern.

Wenn im Rahmen einer hochschulweiten Digitalisierungsstrategie statt 0,5-1% künftig 2-5% des Hochschulbudgets für die Digitalisierung der Lehre ausgeben werden, kann dauerhaft eine Breitenwirkung erzielt werden. Unerlässlich ist es, dass die Lehrenden in die Lage versetzt werden, Inhalte zu generieren bzw. diese generieren zu wollen.

Digitalisierte Lehre benötigt hauptsächlich Personal (Beratung, Begleitung, Betreuung Infrastruktur, Lehrentlastung), weil die Infrastruktur (WLAN etc.) vorhanden oder im Vergleich zum Personal (Lizenzen, Server) finanziell nicht wirklich relevant ist.

Dauerhafte Aufgaben (Infrastruktur, Koordination) erfordern in der Regel Dauerstelleninhaber.

#2. Der Ertrag digitaler Lehre

Der Ertrag digitalisierter Lehre ist eine hochschuldidaktisch wertvollere Lehre, weil sie neue Möglichkeiten zur adaptiven Lehre erschließt und hierdurch heterogenitätssensibler sein kann. Digitalisierte Lehre entspricht zudem der Lebenswirklichkeit der Lernenden.

Die Digitalisierung der Lehre kostet die/den Lehrenden Zeit und muss bereits mittelfristig (1-2 Jahren) zu einem wahrgenommenen Mehrwert für sie/ihn führen – insbesondere auch in Konkurrenz zum „Rat-Race Forschung“. Der „Return on Invest“ benötigt aber Zeit und wird daher insbesondere bei Dauerstellen mit einem Schwerpunkt in der Lehre wahrnehmbar.

Möglicher Weise lassen sich Aufwände bei der Digitalisierung von Lehre durch die erneute Verwendung in kostenpflichtigen Weiterbildungsstudiengängen refinanzieren.

#3. Gelingensbedingungen digitaler Lehre

Digitalisierte Lehre ist ein Aspekt hochschuldidaktisch fundierter Lehre. Die Teilnahme an entsprechenden Fortbildungen sollte bis zu einem gewissen Grad für Lehrende auch noch nach der Berufung verpflichtend sein. Sie muss auch aufzeigen, welche didaktischen Vorteile und welche langfristige Entlastung digitalisierte Lehre für das jeweilige Fach mit sich bringt. Es braucht – wie generell für gute Lehre – die Bereitschaft des Lehrenden, sich auch als Lernender zu verstehen.

Lehrende brauchen sichtbare Rollenvorbilder und müssen erkennen, dass die Hochschulleitung die Digitalisierung der Lehre möchte und wertschätzt. Preise und Projektförderungen geben Anreize, die Finanzierung darf aber nicht darauf begrenzt sein, wenn sie nachhaltig wirken soll.

Das zusätzliche Engagement der Lehrenden muss angemessen honoriert werden, wenn Inhalte in der Breite erzeugt werden sollen. Für 7.500 € pro Jahr und Professor*in wären eine Deputatsreduktion von 2SWS (durch Lehrauftrag für ein Semester) und knapp 10 h Hilfskräfte pro Woche zur Umsetzung finanzierbar. Das wären bei 600 Professor*innen 4,5 Mio. € pro Jahr. Förderungsvoraussetzung könnte sein, dass die Hochschule die zentrale (Beratungs-)Infrastruktur zur Verfügung stellt.

Mail an Call-a-Bike zum Thema „Rückgabepunkte“

Sehr geehrter Herr Lübke, sehr geehrter Herr Rohrschneider, sehr geehrte Damen und Herren,

erklären Sie mir doch wenigstens einmal, warum Sie an dieser unsinnigen, geschäftsschädigenden und bürokratischen Idee der Rückgabepunkte in Frankfurt festhalten. Wer möchte die bitte haben? Wem nutzen Sie? Und was für einen Nutzen bringen Sie Ihnen? Wo bleibt der innovative Gedanke, der den Call-a-Bikes innewohnt? Ich will Ihnen heute in aller Deutlichkeit mitteilen, dass mich – gerade als langjährigen Kunden – diese Idee schon seit ich sie kenne unendlich nervt; dass Sie nun die Strafgebühr verfünffachen (!), bringt mich auf die Palme. Leider habe ich keine einzige sinnvolle Erklärung jenseits von Floskeln Ihrer der Marketingabteilung zu diesem Thema lesen können – obwohl ich diese Kritik schon mehrmals in unterschiedlichen Formen kommuniziert habe. Dank GPS und App sieht doch jede_r der möchte, wo die Räder stehen und kann genau dorthin gehen – was will man denn bitte mehr? Und das Argument, dass nicht jede_r ein Smartphone mit App hat oder nutzen will, trägt von Jahr zu Jahr weniger – und bisher hat das ganze System doch prima funktioniert – oder sehe ich das falsch? Gerade die Verbindung mit Smartphone und Call a Bike ist perfekt – vor allem, wenn man unabhängig von (verstreuten) Rückgabepunkten die Räder returnieren kann. Warum drehen Sie das Rad zurück anstatt es überall zurückzunehmen?

Ich freue mich über eine Antwort und behalte mir eine Kündigung meiner Mitgliedschaft vor. Bis dahin verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen
Martin Lommel

4th Annual International Symposium on University Rankings and Quality Assurance 2012

Die in Brüssel ansässige Organisation „Public Policy Exchange (PPE)” hat das 4th Annual International Symposium on University Rankings and Quality Assurance am 12. April 2012 ausgerichtet, an dem ich partizipiert habe. Wer hätte sehen und hören wollen, wie man ein sehr spannendes Thema ermüdend vorträgt, dem sei diese Veranstaltung nachträglich empfohlen. Es war faszinierend zu erleben, wie perfekt einige Vortragende ihre Begeisterung für dieses Thema verbergen konnten. Der Fairness halber muss man aber auch zugeben, dass es einige gute und in der Tat spannende Vorträge gab, von denen ich ergänzend zu meinem Twitterfeed unter #urqa an dieser Stelle berichten möchte.

Sinnvoll wäre es gewesen, die Interaktion der Teilnehmenden zu erhöhen. Hätte die Veranstaltung stärker einen Workshop-Charakter besessen, hätte man auch vermehrt von der Expertise und Erfahrung der im Auditorium anwesenden „Experten“ profitieren können. Das war zwar durch die Veranstalter intendiert, wurde aber durch die Ausschließlichkeit der Vorträge im Plenum (ca. 250 Personen) nicht so umgesetzt. In einigen Fragen der Teilnehmenden wurde aber deutlich, dass man sicherlich über die eine oder andere Fragestellung hätte kontrovers streiten können.

Nach der Eröffnung der Konferenz durch Prof. Andrea Bonaccorsi hielt zunächst Jordi Curell von der Europäischen Kommission (EC) einen Vortrag zum den momentanen und zukünftigen Entwicklungen bei der Entwicklung von Standards für internationale Rankings. Hier sei insbesondere erwähnt, dass die EC sich von der Möglichkeit, dass Institutionen, die nationale Rankings durchführen, auch über die eigenen Landesgrenzen hinweg tätig sein können, bereits eine Internationalisierung verspricht.

Gero Federkeil von der CHE wies (imho richtiger Weise) zum Beginn seines Vortrages darauf hin, dass die zunehmende Datenerhebung zur Erstellung von Rankings eine Reduktion zur Bereitschaft der Teilnahme sowohl seitens der Universitätsverwaltungen als auch der Studierenden zur Folge habe. Daher plane die CHE eine Vereinheitlichung der Datenerhebung mit dem Ziel, dass dann unterschiedliche (auch internationale) Institutionen auf die erhobenen Daten zugreifen und sie eigenständig interpretieren können. Diese Daten sollten dann auch die Grundlage multidimensionaler Rankings sein, die er – wenig überraschend – befürwortet. Zu Multi-U sagte er allerdings, auch auf Nachfrage, nichts, da es keinen neuen Sachstand gebe. Die CHE geht aber wohl von der Einführung aus.

Die Vorstellung, dass die CHE mit ihren zweifelhaften nicht unumstrittenen Methoden für alle Agenturen Daten erheben möchte, hätte man sicherlich diskutieren können – tat man aber nicht.

Stattdessen führte Herr Federkeil aus – nun nicht mehr als CHE sondern als IREG aus, dass die IREG ein Audit für Rankings plane und davon ausgeht, dass es sobald einige Rankings auditiert sind, es einen Trend zu diesem Audit gäbe. Am Rande der Konferenz hatte ich allerdings den Eindruck, dass er für seine Idee noch ordentlich die Werbetrommel rühren muss. Die 20 Kriterien (davon 10 Kernkriterien mit doppelter Gewichtung) sind auf der IREG-Homepage in einem PDF dargestellt. Um allerdings ein Ranking der Rankings zu vermeiden, plant die IREG keine Veröffentlichung der Auditpunktzahl, sondern stellt nur da, ob ein Ranking die nötigen 60% der 180 möglichen Punkte erreicht hat [und keiner der Kern-Scores unter 3 auf einer Skala von 6 bis 1 liegt].

Kritische Stimmen hoben insbesondere auf den ersten Teil des Vortrages bezogen hervor, dass die Datensicherheit der erhobenen (teilweise sensiblen) Daten (z.B. Drittmittelgeber), wenn diese dann weitergereicht würden, fragwürdig sei. Federkeil erläuterte, dass die Behandlung dieser Daten momentan auch schon sehr sensibel erfolge, so dass dies sogar dem im Audit als Kernkriterium benannten Gebot der Transparenz widerspreche.

Die weitere Diskussion entwickelte sich dahingehend, dass der Sinn von internationalen Rankings in Frage gestellt wurde, da wohl die Mehrheit Universitäten wohl kaum exzellent werden und die Mehrheit der Studierenden dies wohl auch gar nicht erwarten oder wünschen würde. Zumal es vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Zielgruppen [ Studieninteressierte vor der Wahl des Studienorts beim Bachelor, fortgeschrittene Studierende vor der Wahl des Master, Masterstudierende und Doktoranden/-innen vor der Wahl des Ortes für Doc oder Post-Doc-Phase, Forscher/-innen bei ihrer Karriereplanung, Universitätsmitarbeitende bei der Wahl des Arbeitsplatzes, Bürgerinnen und Bürger] ohnehin schwierig wäre, die in einem Ranking abzubilden. Federkeil sah das als weiteres Argument der multidimensionalen Rankings, die sich der Anwender dann computergestützt genau so anzeigen lassen kann, dass seine eigenen Kriterien besonders stark einfließen. So wäre es dann auch möglich, den Universitäten zur Bekanntheit zu verhelfen, die zwar nicht Weltklasse, aber in einzelnen Aspekten sehr gut seien.

In der nächsten Session kamen die Herausgeber der Magazine zu Wort, die Rankings veröffentlichen. Sehr lebhaft war der Vortrag von Phil Baty, der den Werdegang des Times Higher Education Rankings (THE) schilderte. Nach der Trennung vom MurdochKonzern ist das THE unabhängig und kooperiert für die Rankings mit ThomsonReuters. Sein Fokus sind klar die weltbesten Universitäten und Baty sieht, dass sein Angebot auf einen breiten Markt trifft. Die Frage, was eine exzellente Universität sei, beantwortete er mit zwei Zitaten. P. Altbach (Boston College) sagt: „everyone wants one, no one knows what it is and no one knows how to get one“. Auf Twitter schlug ein_e Leser_in vor, dass eine gute Universität auf den Beruf vorbereite, aber eine exzellente Universität auf jeden Beruf vorbereite. Im Folgenden führte er aus, welche Faktoren zu welchem Anteil in das Ranking einfließen. Dies ist auch im Internet dargestellt. Die kritischen Aspekte internationaler Rankings wurden allerdings in seinem Vortrag nicht vertieft behandelt.

Auf konkrete Fragen, warum denn z.B. die französischen Publikationen zur Literatur in Frankreich einer französischen Universität im Ranking nicht zählen, da sie ja nicht englischsprachig also laut THE nicht international anerkannt seien, konnte Baty dann nur auf die Komplexität dieses Themas und den Kooperationspartner, mit dem sie bei der Erhebung der Daten zusammenarbeiten verweisen. An dieser Stelle wurde durch das Auditorium darauf verwiesen, dass 30% des Rankings-Scores durch Zitierungen bestritten werden. Später attestierte Baty, dass die Motivation der Herausgeber eine möglichst hohe Auflage bzw. viele Pagehits sein. Offen blieb, welche Implikationen dies für die Rankings hat. Das ausschließlich positive Feedback des THE-Rankings aus dem angloamerikanischen Sprachraum das im Rahmen Vortrages des zitiert wurde, war in meinen Augen sehr selektiv, die Zuhörer_innen sahen das wohl differenzierter.

Mit Waldemar Siwinski stellte ein weiterer Herausgeber seine Sicht auf die Dinge dar. Mit dem Gründer der polnischen „Perspektywy“ kam ein Befürworter der nationalen Rankings zu Wort. Seine Mitgliedschaft bei IREG darf man dahingehend verstehen, dass seine Organisation mehr Interesse an sichtbaren nationalen Rankings als an internationalen Rankings hat, in denen die polnischen Universitäten nicht oder kaum sichtbar sind.

Der Ranking-Forscher Prof. Andrea Bonaccorsi, der auch als Chair während der Konferenz fungierte, stellte in der nächsten Session dar, welche Folgen es für das Abschneiden in Rankings hat, wenn man das multidimensionale Ergebnis von Rankings letztendlich auf eine Dimension projiziert. Dies mag seiner Meinung nach für Firmen möglich sein, deren Leistungen und Produkte letztendlich durch den Marktwert charakterisiert werden und somit vergleichbar sind. Für die Universität gelte das aber so nicht. Wenn eine Universität ausgezeichnete und durchschnittliche Fakultäten habe, so schneide sie insgesamt im Mittelfeld ab. Hierbei sei auffällig, dass die Unterschiede innerhalb einer Universität viel größer seien, als die Unterschiede der Universitäten untereinander. Falls also eine Universität in einem internationalen Ranking gut abschneiden wollte, so brauche sie eine geringe Variabilität über die verschiedenen Fakultäten, dies sei aber nur dann möglich, wenn

  • die Universitäten sehr autonom gegenüber dem zuständigen Ministerium agieren können.
  • es eine ausgewogene Machtverteilung zwischen akademischer Forschung und Universitätsleitung gibt.
  • die Forscher_innen mobil sind (und bleiben).
  • ständig neue Positionen zu besetzen sind.

Diese Voraussetzungen seien aber nur in wenigen europäischen Ländern vorhanden, so dass in diesen Ländern eine Sichtbarkeit in internationalen Rankings nur sehr schwer zu erreichen ist.

Ein weiterer Vortrag von Prof. Andrés Carrión García stellte noch einen dritten Aspekt von Rankings vor, der zukünftig ebenfalls relevant werden könnte. Die sogenannte „3. Mission of universities“ sieht García hauptsächlich in drei Dimensionen: Den Weiterbildungsstudiengängen, dem Technologietransfer und der gesellschaftlichen Verantwortung. Für diese drei Dimensionen hat er mit seinem Team im Rahmen des Forschungsprojektes E3M Leitfragen ermitteln, mit Hilfe derer Universitäten auch in der 3. Mission neben Lehre und Forschung evaluiert werden können.

Abschließend stellte Dr. Karsten Krüger von der Fundacion CYD dar, welche Implikationen die Übertragung von nationalen zu internationalen Rankings mit sich bringt. Insbesondere das Feld der wenig oder gar nicht vergleichbaren Studiengängen stellte er im Vergleich der Annahmen für das CHE Ranking und für das spanische CYE-Ranking gegenüber und hebt hervor, dass eine Vergleichbarkeit über Ländergrenzen hinweg nur gegeben ist, wenn man starke Vereinfachungen bzw. Verallgemeinerungen der Indikatoren sowie der Studienfächer vornimmt und sich auf bestimmte Definitionen (Was ist ein „Full-time Professor“?) einigt.

Mit diesem klugen und nachdenklichen Vortrag endete das 4th Annual International Symposium on University Rankings and Quality Assurance 2012. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass der THE-Herausgeber nun zu diesen (ernüchternden) Fakten Stellung bezieht oder es in der einen oder anderen Fragestellung noch eine kontroverse Diskussion gegeben hätte. Inhaltlich hätte man hierzu an vielen Punkten ansetzen können.

Stattdessen habe ich (und sicherlich auch viele andere Konferenzteilnehmer_innen, die übrigens nur zu einem sehr geringen Teil aus Deutschland stammten) belgische Pralinen gekauft. Bei ausreichender Stichprobe und vergleichbaren Kriterien habe ich anschließend herausgefunden, dass diese bei einem internationalen Pralinen-Ranking sicherlich einen der ersten Plätze belegt hätten.

Predigt vom vergangenen Sonntag zu 1. Petrus 5, 1-4

Liebe Blogger-Gemeinde,

normalerweise poste ich ja meine Predigten nicht, aber dieses Mal dachte ich, dass es gut passt und da sie mir auch gut gefällt, gibt es hier und jetzt meine

Predigt

Aber klar ist: Es gilt das gesprochene Wort!

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Amen.

I.
Liebe Gemeinde
Also falls Sie schon immer mal auf ein Zeichen gewartet haben, um zu erkennen, dass Gott Humor hat, dann hören Sie nun einmal auf den für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext: Ich lese aus der Bibel in Gerechter Sprache im 5. Kapitel des 1. Brief des Petrus die Verse 1-4.
„Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten. Ich selbst bin auch Ältester, bin Zeuge des Leidensweges Christi geworden und ich habe teil an dem Glanz Gottes, der offenbar wird. Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, ohne eure Obhut aus Pflichterfüllung auszuüben, sondern freiwillig, weil es Gott gefällt. Ihr sollt diese Aufgabe auch nicht übernehmen, weil ihr Euch einen Gewinn versprecht, sondern aus innerem Antrieb heraus. Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde. Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie welkt.“
Also auch wenn mir die Gottesvorstellung des weißbärtigen Marionettenspielers ferne liegt: Dass ich, als Mitglied des Kirchenvorstandes, heute einen Text auslege, in dem beschrieben wird, wie die Ältesten – und das ist im Sinne der der Gemeinde vor-stehenden zu verstehen – also wie der Kirchenvorstand die Geschicke der Gemeinde leiten sollte, lässt mich schmunzeln. Ein internes Coaching mit externen Zuhörern könnte man das wohl nennen – aber bei aller fehlenden Bescheidenheit die man mir attestieren mag: Das geht doch dann wohl etwas weit.
II.
Aber bevor ich ggf. diese Kompetenzüberschreitung begehe, will ich Sie, liebe Gemeinde, gerne mitnehmen, wenn wir uns gemeinsam diesen spannenden Text noch einmal etwas ausführlicher zu Gemüt führen.
Diesen Text schrieb Petrus oder ließ Petrus aufschreiben und verschickte ihn an die Gemeinden, die in Kleinasien verstreut waren. Je nach dem, von welchem Autor man ausgeht, ist der Brief 60 bis 120 nach Christi geschrieben und richtet sich an die Ältesten, die Presbyter in den Gemeinden. „Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten.“ Das ist unzweifelhaft im übertragenen Sinne gemeint, das Schreiben richtet sich an die, die die Gemeinde leiten. Hierzu benennt der Autor zunächst seine eigene Herkunft und quasi seine Autorisierung. „Ich selbst bin auch Ältester, bin Zeuge des Leidensweges Christi geworden und ich habe teil an dem Glanz Gottes, der offenbar wird.“ Auch wenn die Fragestellung, wer diesen Brief nun verfasst hat, in der Literatur uneinheitlich beantwortet wird, so gilt es doch wohl eher als unwahrscheinlich, dass der Verfasser tatsächlich ein Weggefährte Jesu war. Die Bezeugung des Leidenswegs ist dann eher im übertragenen Sinne zu verstehen.
III.
Und nun beginnt also die Trilogie. Eingeleitet wird sie von Bild des Schäfers und seiner Herde –ein beliebtes Bild, das wir auch aus dem 23. Psalm kennen, den wir gemeinsam gesprochen haben und das auch in der heutigen Lesung schon zur Sprache kam. „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, ohne eure Obhut aus Pflichterfüllung auszuüben, sondern freiwillig, weil es Gott gefällt.“ Die Gemeinde wird hier also auch Herde beschrieben, die sich eben in der Obhut derer befindet, die der Gemeinde vorstehen. Und dies soll nicht aus dem Wunsch, eine Pflicht zu erfüllen geschehen, sondern freiwillig. Ganz ehrlich: Wenn ich die heutige Predigt allein nach dieser Maßgabe geschrieben hätte, weiß ich nicht, ob dies nicht der letzte Satz gewesen wäre, ich den Laptop dann zugeklappt hätte und mich ganz freiwillig vor den Fernseher gesetzt hätte. Freiwillig als Gegensatz zur Pflichterfüllung? Kein leichtes Thema. Und der Nachsatz „weil es Gott gefällt“ macht es auch nicht besser.
IV.
Beim nächsten Satz wird es nur scheinbar leichter: „Ihr sollt diese Aufgabe auch nicht übernehmen, weil ihr Euch einen Gewinn versprecht, sondern aus innerem Antrieb heraus.“ OK – lassen wir mal den materiellen Gewinn weg, aber man kann natürlich auch noch vieles andere gewinnen: Ansehen, Einfluss, Macht, Dankbarkeit. Gewinn als Gegensatz zum inneren Antrieb? Was treibt uns denn von innen heraus an?
Der dritte Satz lässt sich dann doch etwas besser verstehen und akzeptieren: „Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde.“ Besitzerhabitus als Gegensatz zum vorbildhaften Handeln – wenigstens hier kann man auch schon beim ersten Lesen im Geiste nickend zustimmen. So schließt dieser Abschnitt mit der Verheißung „Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie welkt.“
V.
Also alles in allem wäre das ein klasse Text, wenn der Pfarrer mal so richtig mit seinem Kirchenvorstand abrechnen will. Bei uns gerade unwahrscheinlich. Und ganz ehrlich, ich würde auch gerne wissen, was heute unser Dekan zu diesem Text sagt – schließlich bin ich vor ein paar Wochen in den Dekanatssynodalvorstand gewählt worden und muss nun auch da als sogenannter „Ältester“ Entscheidungen treffen, die nicht immer leicht und teilweise auch recht abstrakt sind. Sehr passend ist der Text übrigens auch vor dem Hintergrund, dass sich in der kommenden Woche die Synode unserer Landeskirche trifft. So können sich die Delegierten an diesem Sonntag auch noch einmal genau damit beschäftigen, was es bedeutet, in Jesu Geist dieses Amt auszufüllen und Entscheidungen zu treffen. Und ganz ehrlich – auch wer als Christin oder Christ ein politisches Amt ausübt, kann sich diesen Text zu Herzen nehmen, und von diesen Menschen gibt es ja auch eine ganze Reihe – und einige von diesen bekennen sich ja mehr oder weniger offen zu ihrem Glauben.
VI.
Was nehmen wir also mit aus diesem Text – für uns, die wir vielleicht nicht alle das Gefühl haben, als Älteste zu fungieren. Was nehmen wir mit? Ganz ehrlich, ich glaube, dass jede und jeder von uns hin und wieder oder auch öfter Entscheidungen trifft, in denen sie oder er Verantwortung für andere übernimmt. Und wer Verantwortung übernimmt, der handelt genau als ein solcher Hirte, der seine Herde in Obhut nimmt.
Also schauen wir noch einmal genauer auf die drei Aussagen, die der Predigttext bringt – und lassen Sie mich hinten beginnen: Statt Besitzerhabitus – Vorbildfunktion. Auch wenn das sicherlich leichter gesagt denn getan ist, ist das ein Vorsatz, den wir uns wohl gerne zu Eigen machen. Damit es kein Vorsatz bleibt, hilft es, sich die Frage zu stellen, warum man an dieser Position ist, nun eine Entscheidung fällen zu müssen. Es ist nicht der Besitz, der uns befähigt, sondern es ist das Vertrauen, das uns andere aus-gesprochen haben. Sei es, dass man uns durch eine Wahl, eine Benennung oder eine Einstellung dort hinein genommen hat, in die Verantwortung, in der man sich nun befindet. Und wenn es nicht der Besitzt ist, der uns legitimiert, dann sollte es auch nicht so sein, dass unser Handeln das desjenigen ist, der sich als Besitzerin oder Besitzer fühlt. Sondern als erster unter Gleichen ist es dann fast ganz natürlich, dass das eigene Handeln so sein sollte, dass es den anderen zum Vorbild gereicht. Dass das in keinem Fall leicht ist und sich setzt umsetzen lässt, steht dabei außer Frage. Aber das ist in meinen Augen auch nicht die Aussage des Textes. Im Zweifel kann es aber gerade die Rückbesinnung auf die Legitimation sein, die ein solches Handeln erleichtert.
VII.
Zweitens: Statt Gewinn – innerer Antrieb. Nun sind sich sogar die Psychologinnen und Psychologen bei der Unterscheidung von innerem und äußerem An-trieb nicht einig. Gibt es da einen Unterschied? In der Fachsprache geht es da um die extrinsische und die intrinsische Motivation und die Diskussion, ab es überhaupt eine extrinsische Motivation gibt oder letztendlich alles intrinsisch (also von innen heraus) motiviert ist. In diese Untiefen will ich mich jetzt nicht begeben – das ist nicht mein Fachgebiet, ich bin nur Hobbypsychologe.
Definiert man aber den Gewinn nun monetär, so dem zweiten Grundsatz leicht zu folgen: Klar, die eigene Geldvermehrung sollte nicht der Grund für das Treffen von Entscheidungen für die Gemeinde sein. Fass man den Gewinn aber noch weiter, so betritt man einen schmalen Grad. Wer kann von sich behaupten, dass sie die Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des (kirchen-)politischen Engagements nicht reizen? Wer kann von sich sagen, dass ihm die Dankbarkeit, die aufgrund von Engagement und Entscheidungen zuteil wird, nicht schmeichelt? Wem gefällt es nicht, ein gewisses Ansehen zu haben, eben gerade weil man verantwortungsvoll handelt und Entscheidungen trifft? An dieser Stelle ist es, glaube ich, wichtig zu unterscheiden, was Ursache und was Wirkung ist. Handle ich, um etwas Bestimmtes zu bezwecken oder handle ich und bezwecke etwas bestimmtes, würde aber auch handeln, wenn ich eben dieses nicht bezwecken würde. Klar – ich höre einige von Ihnen förmlich ihre Zweifel anmelden – natürlich sind wir da immer noch auf dem schmalen Grad. Natürlich finde ich daran Gefallen, wenn mein Handeln dazu führt, dass mich andere Personen schätzen. Aber dieses Gefallen daran finden, darf mich nicht dahingehend beeinflussen, dass ich nur noch so handle, um von diesen Personen geschätzt zu werden. Das ist dann das, was man im All-gemeinen als Populismus bezeichnen würde. Auch hier möchte ich mitnichten behaupten, dass dieses Verhalten einfach an den Tag zu legen ist – aber die Intention des Textes ist klar: Die Leitung der Gemein-de sollte sich nicht daran orientieren, dass die eigenen Wünsche befriedigt werden. In der Lutherübersetzung wird der innere Antrieb als „Herzensgrund“ übersetzt. Ein Wort, das mir auch gerade in diesem Zusammenhang gut gefällt.
VIII.
Und schließlich drittens: Statt Pflichterfüllung – Freiwilliges Handeln. Jetzt wird es richtig schwierig: Wie ist das mit dem freien Willen? Wenn um halb elf die Kirchenvorstandssitzung immer noch nicht zu Ende ist. Wenn es wieder einmal darum geht, in einer Arbeitsgruppe einen Beschluss vorzubereiten und keiner dazu Lust hat. Wenn in der Sitzung schon alles gesagt wurde, bloß noch nicht von jedem? So was kommt bei uns natürlich nicht vor – aber ich habe schon in vielen anderen Zusammenhängen an solchen Diskussionen teilgenommen und Sie sicherlich auch.
Freiwilliges Handeln? Wir treffen, die wir in diesem Land leben, schon seit geraumer Zeit und glücklicher Weise unsere Entscheidungen aus freien Stücken – zumindest einmal ab einem bestimmten Alter und den Konfirmanden kann ich zurufen: Nach der Konfirmation auch etwas mehr als zuvor: Schon immer waren Riten in unserer Gesellschaft wichtige Meilensteine für selbstständige Entscheidungen. In der Regel handeln wir freiwillig: Weder wird man gezwungen, sich im Kirchenvorstand zu engagieren, noch den einen oder den anderen Beruf zu ergreifen und auch sonst fällt mir keine Lebensentscheidung ein, zu der wir gezwungen werden. Allerdings ist unsere Welt voll von Sachzwängen. Eine Entscheidung zieht eine Konsequenz nach sich. Insbesondere wird das in unserer Arbeitswelt deutlich: Kein Abi, keine Uni. Keine Bewerbungen, kein Jobangebot. Keine Arbeit, kein oder nur wenig Geld. Den Sachzwang zwischen der Entscheidung für die Konfirmation und den Gottesdienstbesuch will ich jetzt nicht ausführen. So oder so wäre es falsch, den Umkehrschluss zu ziehen: Viele Bewerbungen verheißen nicht automatisch viele Jobangebote.
Vielleicht ist die Akzeptanz dieser Zusammenhänge oder auch Zwänge ein sehr weltliches Bild, sicherlich könnte man da einen Diskurs eröffnen, der in Parteien ganze Flügelkämpfe nach sich zieht, die dann z.B. zwischen Fundis und Realos oder wie man bei der zu großer Popularität gekommenen Piratenpartei zu sagen pflegt: Zwischen Wünschis und Machis. So oder so, mit dieser Lesart der Freiwilligkeit, die einen Sachzwang nach sich führt, kann ich dann mein ehrenamtliches Engagement in einen guten Einklang mit dem Predigttext bringen. Das Engagement und das kommt tatsächlich bei der Bezeichnung „ehrenamtlich“ nicht so recht heraus, das Engagement sollte nicht als Pflicht empfunden und Verstanden werden, sondern es ist und bleibt Kür – freiwillig. Manche sprechen ja auch statt vom Ehrenamt von der unbezahlten Freiwilligenarbeit. Und das heißt in meinen Augen dann auch nicht, dass man zu jeder weiteren Möglich- bzw. Notwendigkeit der Mitarbeit ebenfalls ja sagt – sondern im Gegenteil sich im Nein-Sagen übt. Aber eine bestimmte Verbindlichkeit sehe ich sehr wohl auch in freiwilligem Handeln. Und vielleicht kann man eben genau so den Nachsatz interpretieren: „freiwillig, weil es Gott gefällt“ oder auch „freiwillig, wie es Gott gefällt.“ Gottes Handeln ist alles andere als unverbindlich – wenngleich es wohl als freiwillig bezeichnet werden mag. Dieses freiwillige aber verbindliche Handeln ist dann für mich ein guter Grundsatz für kirchenpolitisches wie auch politisches Engagement.
IX.
Lassen Sie mich zusammenfassen: Freiwillig, uneitel und aus dem Grunde unseres Herzens und in der Vorbildfunktion mögen wir handeln –– „Sonst noch was?“ könnte man da fast versucht sein zu rufen. Dass das kein Leichtes ist, belegt schon allein das Schreiben, aus dem unser Text stammt. Andernfalls hätte es ja wohl kaum einen Grund gegeben, diesen Brief zu verfassen. Auch die Gemeinde damals hatte wohl genau damit ihre Probleme. Und gleichzeitig ist es Gott, der uns als unser Hirte so führt und leitet – der uns Vorbild sein kann und will. Und dann kann es auch die im Text beschriebene Verheißung sein, trotz der Schwierigkeit sich genau in einem solchen Dienst zu üben: „Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie welkt.“
X.
In den nächsten Versen ist dann übrigens auch noch beschrieben, wie sich Gemeindeleitung und Gemein-de begegnen mögen – nämlich mit Bescheidenheit oder wie es auch übersetzt wird: In Demut. Demütig – wörtlich übersetzt: in der Gesinnung eines Dienenden – so versteht sich auch Jesus Christus und so können wir uns in seiner Nachfolge auch bemühen zu handeln – sei es nun als Gemeindeleitung oder als Gemeinde. Wobei Demut im Hinnehmen von Entscheidungen ein so umfassendes Thema ist, dass es hier wohl eine weitere Predigt bräuchte. Aber die kommt jetzt nicht.
Ob sich nun unser Kirchenvorstand in allen Belangen und Entscheidungen demütig, aus dem Herzensgrund geleitet und vorbildlich verhält, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beurteilen. Das steht mir weder zu noch wäre es an dieser Stelle angemessen. Da berufe ich mich einfach einmal flux darauf, dass ich unter diesen Ältesten der Jüngste bin. Also doch eine gute und weitere originelle Fügung, dass gerade ich heute in den Genuss gekommen bin, mit Ihnen über diesen Predigttext nachzudenken. Und sicherlich Inspiration genug, alle die, die Entscheidungen zu treffen haben, in unsere Fürbitten mit aufzunehmen – denn in einem sind wir einig, leicht ist ein solches Handeln nicht. Aber wir dürfen uns als Kinder Gottes, als Schafe seiner Herde sehen und fühlen. Er salbt unser Haupt mit Öl – denn Gott liebt uns und liebt auch diese Welt.

Der Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesu Christo. Amen

Nun singt die Gemeinde das Lied „Gott liebt diese Welt“ (HN 409)