Predigt vom vergangenen Sonntag zu 1. Petrus 5, 1-4

Liebe Blogger-Gemeinde,

normalerweise poste ich ja meine Predigten nicht, aber dieses Mal dachte ich, dass es gut passt und da sie mir auch gut gefällt, gibt es hier und jetzt meine

Predigt

Aber klar ist: Es gilt das gesprochene Wort!

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Amen.

I.
Liebe Gemeinde
Also falls Sie schon immer mal auf ein Zeichen gewartet haben, um zu erkennen, dass Gott Humor hat, dann hören Sie nun einmal auf den für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext: Ich lese aus der Bibel in Gerechter Sprache im 5. Kapitel des 1. Brief des Petrus die Verse 1-4.
„Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten. Ich selbst bin auch Ältester, bin Zeuge des Leidensweges Christi geworden und ich habe teil an dem Glanz Gottes, der offenbar wird. Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, ohne eure Obhut aus Pflichterfüllung auszuüben, sondern freiwillig, weil es Gott gefällt. Ihr sollt diese Aufgabe auch nicht übernehmen, weil ihr Euch einen Gewinn versprecht, sondern aus innerem Antrieb heraus. Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde. Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie welkt.“
Also auch wenn mir die Gottesvorstellung des weißbärtigen Marionettenspielers ferne liegt: Dass ich, als Mitglied des Kirchenvorstandes, heute einen Text auslege, in dem beschrieben wird, wie die Ältesten – und das ist im Sinne der der Gemeinde vor-stehenden zu verstehen – also wie der Kirchenvorstand die Geschicke der Gemeinde leiten sollte, lässt mich schmunzeln. Ein internes Coaching mit externen Zuhörern könnte man das wohl nennen – aber bei aller fehlenden Bescheidenheit die man mir attestieren mag: Das geht doch dann wohl etwas weit.
II.
Aber bevor ich ggf. diese Kompetenzüberschreitung begehe, will ich Sie, liebe Gemeinde, gerne mitnehmen, wenn wir uns gemeinsam diesen spannenden Text noch einmal etwas ausführlicher zu Gemüt führen.
Diesen Text schrieb Petrus oder ließ Petrus aufschreiben und verschickte ihn an die Gemeinden, die in Kleinasien verstreut waren. Je nach dem, von welchem Autor man ausgeht, ist der Brief 60 bis 120 nach Christi geschrieben und richtet sich an die Ältesten, die Presbyter in den Gemeinden. „Die Ältesten unter euch möchte ich nun um etwas bitten.“ Das ist unzweifelhaft im übertragenen Sinne gemeint, das Schreiben richtet sich an die, die die Gemeinde leiten. Hierzu benennt der Autor zunächst seine eigene Herkunft und quasi seine Autorisierung. „Ich selbst bin auch Ältester, bin Zeuge des Leidensweges Christi geworden und ich habe teil an dem Glanz Gottes, der offenbar wird.“ Auch wenn die Fragestellung, wer diesen Brief nun verfasst hat, in der Literatur uneinheitlich beantwortet wird, so gilt es doch wohl eher als unwahrscheinlich, dass der Verfasser tatsächlich ein Weggefährte Jesu war. Die Bezeugung des Leidenswegs ist dann eher im übertragenen Sinne zu verstehen.
III.
Und nun beginnt also die Trilogie. Eingeleitet wird sie von Bild des Schäfers und seiner Herde –ein beliebtes Bild, das wir auch aus dem 23. Psalm kennen, den wir gemeinsam gesprochen haben und das auch in der heutigen Lesung schon zur Sprache kam. „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, ohne eure Obhut aus Pflichterfüllung auszuüben, sondern freiwillig, weil es Gott gefällt.“ Die Gemeinde wird hier also auch Herde beschrieben, die sich eben in der Obhut derer befindet, die der Gemeinde vorstehen. Und dies soll nicht aus dem Wunsch, eine Pflicht zu erfüllen geschehen, sondern freiwillig. Ganz ehrlich: Wenn ich die heutige Predigt allein nach dieser Maßgabe geschrieben hätte, weiß ich nicht, ob dies nicht der letzte Satz gewesen wäre, ich den Laptop dann zugeklappt hätte und mich ganz freiwillig vor den Fernseher gesetzt hätte. Freiwillig als Gegensatz zur Pflichterfüllung? Kein leichtes Thema. Und der Nachsatz „weil es Gott gefällt“ macht es auch nicht besser.
IV.
Beim nächsten Satz wird es nur scheinbar leichter: „Ihr sollt diese Aufgabe auch nicht übernehmen, weil ihr Euch einen Gewinn versprecht, sondern aus innerem Antrieb heraus.“ OK – lassen wir mal den materiellen Gewinn weg, aber man kann natürlich auch noch vieles andere gewinnen: Ansehen, Einfluss, Macht, Dankbarkeit. Gewinn als Gegensatz zum inneren Antrieb? Was treibt uns denn von innen heraus an?
Der dritte Satz lässt sich dann doch etwas besser verstehen und akzeptieren: „Ihr sollt nicht Aufsicht führen wie die, die über ihr Eigentum gebieten, sondern ihr sollt eure Aufgabe so ausführen, dass ihr Vorbilder werdet für die Herde.“ Besitzerhabitus als Gegensatz zum vorbildhaften Handeln – wenigstens hier kann man auch schon beim ersten Lesen im Geiste nickend zustimmen. So schließt dieser Abschnitt mit der Verheißung „Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie welkt.“
V.
Also alles in allem wäre das ein klasse Text, wenn der Pfarrer mal so richtig mit seinem Kirchenvorstand abrechnen will. Bei uns gerade unwahrscheinlich. Und ganz ehrlich, ich würde auch gerne wissen, was heute unser Dekan zu diesem Text sagt – schließlich bin ich vor ein paar Wochen in den Dekanatssynodalvorstand gewählt worden und muss nun auch da als sogenannter „Ältester“ Entscheidungen treffen, die nicht immer leicht und teilweise auch recht abstrakt sind. Sehr passend ist der Text übrigens auch vor dem Hintergrund, dass sich in der kommenden Woche die Synode unserer Landeskirche trifft. So können sich die Delegierten an diesem Sonntag auch noch einmal genau damit beschäftigen, was es bedeutet, in Jesu Geist dieses Amt auszufüllen und Entscheidungen zu treffen. Und ganz ehrlich – auch wer als Christin oder Christ ein politisches Amt ausübt, kann sich diesen Text zu Herzen nehmen, und von diesen Menschen gibt es ja auch eine ganze Reihe – und einige von diesen bekennen sich ja mehr oder weniger offen zu ihrem Glauben.
VI.
Was nehmen wir also mit aus diesem Text – für uns, die wir vielleicht nicht alle das Gefühl haben, als Älteste zu fungieren. Was nehmen wir mit? Ganz ehrlich, ich glaube, dass jede und jeder von uns hin und wieder oder auch öfter Entscheidungen trifft, in denen sie oder er Verantwortung für andere übernimmt. Und wer Verantwortung übernimmt, der handelt genau als ein solcher Hirte, der seine Herde in Obhut nimmt.
Also schauen wir noch einmal genauer auf die drei Aussagen, die der Predigttext bringt – und lassen Sie mich hinten beginnen: Statt Besitzerhabitus – Vorbildfunktion. Auch wenn das sicherlich leichter gesagt denn getan ist, ist das ein Vorsatz, den wir uns wohl gerne zu Eigen machen. Damit es kein Vorsatz bleibt, hilft es, sich die Frage zu stellen, warum man an dieser Position ist, nun eine Entscheidung fällen zu müssen. Es ist nicht der Besitz, der uns befähigt, sondern es ist das Vertrauen, das uns andere aus-gesprochen haben. Sei es, dass man uns durch eine Wahl, eine Benennung oder eine Einstellung dort hinein genommen hat, in die Verantwortung, in der man sich nun befindet. Und wenn es nicht der Besitzt ist, der uns legitimiert, dann sollte es auch nicht so sein, dass unser Handeln das desjenigen ist, der sich als Besitzerin oder Besitzer fühlt. Sondern als erster unter Gleichen ist es dann fast ganz natürlich, dass das eigene Handeln so sein sollte, dass es den anderen zum Vorbild gereicht. Dass das in keinem Fall leicht ist und sich setzt umsetzen lässt, steht dabei außer Frage. Aber das ist in meinen Augen auch nicht die Aussage des Textes. Im Zweifel kann es aber gerade die Rückbesinnung auf die Legitimation sein, die ein solches Handeln erleichtert.
VII.
Zweitens: Statt Gewinn – innerer Antrieb. Nun sind sich sogar die Psychologinnen und Psychologen bei der Unterscheidung von innerem und äußerem An-trieb nicht einig. Gibt es da einen Unterschied? In der Fachsprache geht es da um die extrinsische und die intrinsische Motivation und die Diskussion, ab es überhaupt eine extrinsische Motivation gibt oder letztendlich alles intrinsisch (also von innen heraus) motiviert ist. In diese Untiefen will ich mich jetzt nicht begeben – das ist nicht mein Fachgebiet, ich bin nur Hobbypsychologe.
Definiert man aber den Gewinn nun monetär, so dem zweiten Grundsatz leicht zu folgen: Klar, die eigene Geldvermehrung sollte nicht der Grund für das Treffen von Entscheidungen für die Gemeinde sein. Fass man den Gewinn aber noch weiter, so betritt man einen schmalen Grad. Wer kann von sich behaupten, dass sie die Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen des (kirchen-)politischen Engagements nicht reizen? Wer kann von sich sagen, dass ihm die Dankbarkeit, die aufgrund von Engagement und Entscheidungen zuteil wird, nicht schmeichelt? Wem gefällt es nicht, ein gewisses Ansehen zu haben, eben gerade weil man verantwortungsvoll handelt und Entscheidungen trifft? An dieser Stelle ist es, glaube ich, wichtig zu unterscheiden, was Ursache und was Wirkung ist. Handle ich, um etwas Bestimmtes zu bezwecken oder handle ich und bezwecke etwas bestimmtes, würde aber auch handeln, wenn ich eben dieses nicht bezwecken würde. Klar – ich höre einige von Ihnen förmlich ihre Zweifel anmelden – natürlich sind wir da immer noch auf dem schmalen Grad. Natürlich finde ich daran Gefallen, wenn mein Handeln dazu führt, dass mich andere Personen schätzen. Aber dieses Gefallen daran finden, darf mich nicht dahingehend beeinflussen, dass ich nur noch so handle, um von diesen Personen geschätzt zu werden. Das ist dann das, was man im All-gemeinen als Populismus bezeichnen würde. Auch hier möchte ich mitnichten behaupten, dass dieses Verhalten einfach an den Tag zu legen ist – aber die Intention des Textes ist klar: Die Leitung der Gemein-de sollte sich nicht daran orientieren, dass die eigenen Wünsche befriedigt werden. In der Lutherübersetzung wird der innere Antrieb als „Herzensgrund“ übersetzt. Ein Wort, das mir auch gerade in diesem Zusammenhang gut gefällt.
VIII.
Und schließlich drittens: Statt Pflichterfüllung – Freiwilliges Handeln. Jetzt wird es richtig schwierig: Wie ist das mit dem freien Willen? Wenn um halb elf die Kirchenvorstandssitzung immer noch nicht zu Ende ist. Wenn es wieder einmal darum geht, in einer Arbeitsgruppe einen Beschluss vorzubereiten und keiner dazu Lust hat. Wenn in der Sitzung schon alles gesagt wurde, bloß noch nicht von jedem? So was kommt bei uns natürlich nicht vor – aber ich habe schon in vielen anderen Zusammenhängen an solchen Diskussionen teilgenommen und Sie sicherlich auch.
Freiwilliges Handeln? Wir treffen, die wir in diesem Land leben, schon seit geraumer Zeit und glücklicher Weise unsere Entscheidungen aus freien Stücken – zumindest einmal ab einem bestimmten Alter und den Konfirmanden kann ich zurufen: Nach der Konfirmation auch etwas mehr als zuvor: Schon immer waren Riten in unserer Gesellschaft wichtige Meilensteine für selbstständige Entscheidungen. In der Regel handeln wir freiwillig: Weder wird man gezwungen, sich im Kirchenvorstand zu engagieren, noch den einen oder den anderen Beruf zu ergreifen und auch sonst fällt mir keine Lebensentscheidung ein, zu der wir gezwungen werden. Allerdings ist unsere Welt voll von Sachzwängen. Eine Entscheidung zieht eine Konsequenz nach sich. Insbesondere wird das in unserer Arbeitswelt deutlich: Kein Abi, keine Uni. Keine Bewerbungen, kein Jobangebot. Keine Arbeit, kein oder nur wenig Geld. Den Sachzwang zwischen der Entscheidung für die Konfirmation und den Gottesdienstbesuch will ich jetzt nicht ausführen. So oder so wäre es falsch, den Umkehrschluss zu ziehen: Viele Bewerbungen verheißen nicht automatisch viele Jobangebote.
Vielleicht ist die Akzeptanz dieser Zusammenhänge oder auch Zwänge ein sehr weltliches Bild, sicherlich könnte man da einen Diskurs eröffnen, der in Parteien ganze Flügelkämpfe nach sich zieht, die dann z.B. zwischen Fundis und Realos oder wie man bei der zu großer Popularität gekommenen Piratenpartei zu sagen pflegt: Zwischen Wünschis und Machis. So oder so, mit dieser Lesart der Freiwilligkeit, die einen Sachzwang nach sich führt, kann ich dann mein ehrenamtliches Engagement in einen guten Einklang mit dem Predigttext bringen. Das Engagement und das kommt tatsächlich bei der Bezeichnung „ehrenamtlich“ nicht so recht heraus, das Engagement sollte nicht als Pflicht empfunden und Verstanden werden, sondern es ist und bleibt Kür – freiwillig. Manche sprechen ja auch statt vom Ehrenamt von der unbezahlten Freiwilligenarbeit. Und das heißt in meinen Augen dann auch nicht, dass man zu jeder weiteren Möglich- bzw. Notwendigkeit der Mitarbeit ebenfalls ja sagt – sondern im Gegenteil sich im Nein-Sagen übt. Aber eine bestimmte Verbindlichkeit sehe ich sehr wohl auch in freiwilligem Handeln. Und vielleicht kann man eben genau so den Nachsatz interpretieren: „freiwillig, weil es Gott gefällt“ oder auch „freiwillig, wie es Gott gefällt.“ Gottes Handeln ist alles andere als unverbindlich – wenngleich es wohl als freiwillig bezeichnet werden mag. Dieses freiwillige aber verbindliche Handeln ist dann für mich ein guter Grundsatz für kirchenpolitisches wie auch politisches Engagement.
IX.
Lassen Sie mich zusammenfassen: Freiwillig, uneitel und aus dem Grunde unseres Herzens und in der Vorbildfunktion mögen wir handeln –– „Sonst noch was?“ könnte man da fast versucht sein zu rufen. Dass das kein Leichtes ist, belegt schon allein das Schreiben, aus dem unser Text stammt. Andernfalls hätte es ja wohl kaum einen Grund gegeben, diesen Brief zu verfassen. Auch die Gemeinde damals hatte wohl genau damit ihre Probleme. Und gleichzeitig ist es Gott, der uns als unser Hirte so führt und leitet – der uns Vorbild sein kann und will. Und dann kann es auch die im Text beschriebene Verheißung sein, trotz der Schwierigkeit sich genau in einem solchen Dienst zu üben: „Und wenn der erste Hirte von allen für alle sichtbar geworden ist, werdet ihr den glänzenden Siegeskranz erlangen, der nie welkt.“
X.
In den nächsten Versen ist dann übrigens auch noch beschrieben, wie sich Gemeindeleitung und Gemein-de begegnen mögen – nämlich mit Bescheidenheit oder wie es auch übersetzt wird: In Demut. Demütig – wörtlich übersetzt: in der Gesinnung eines Dienenden – so versteht sich auch Jesus Christus und so können wir uns in seiner Nachfolge auch bemühen zu handeln – sei es nun als Gemeindeleitung oder als Gemeinde. Wobei Demut im Hinnehmen von Entscheidungen ein so umfassendes Thema ist, dass es hier wohl eine weitere Predigt bräuchte. Aber die kommt jetzt nicht.
Ob sich nun unser Kirchenvorstand in allen Belangen und Entscheidungen demütig, aus dem Herzensgrund geleitet und vorbildlich verhält, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beurteilen. Das steht mir weder zu noch wäre es an dieser Stelle angemessen. Da berufe ich mich einfach einmal flux darauf, dass ich unter diesen Ältesten der Jüngste bin. Also doch eine gute und weitere originelle Fügung, dass gerade ich heute in den Genuss gekommen bin, mit Ihnen über diesen Predigttext nachzudenken. Und sicherlich Inspiration genug, alle die, die Entscheidungen zu treffen haben, in unsere Fürbitten mit aufzunehmen – denn in einem sind wir einig, leicht ist ein solches Handeln nicht. Aber wir dürfen uns als Kinder Gottes, als Schafe seiner Herde sehen und fühlen. Er salbt unser Haupt mit Öl – denn Gott liebt uns und liebt auch diese Welt.

Der Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesu Christo. Amen

Nun singt die Gemeinde das Lied “Gott liebt diese Welt” (HN 409)

Konferenzbericht: GML² 2012

Entsprechend des Themas der Konferenz “Von der Innovation zur Nachhaltigkeit” möchte ich mich auch in Letztgenannter üben. Nachdem schon Anett Hübner und Thomas Bröker in ihren Blogs über die GML2 berichtet haben und man auch schon einige Eindrücke bei Twitter unter dem Hashtag #gml2 finden kann, nutze ich aber auch hier die Chance, einige Eindrücke zu dokumentieren (und diesen Blog nach etlicher Zeit wieder zu reaktivieren).

Die 10. GML2 vom 15 bis 16.3. in der FU Berlin wurde vom CeDis ausgerichtet und war von ca. 200 Personen besucht. Die Möglichkeit, sich zwischen eher schulunterrichtsrelevanten Themen einerseits und mehr universitären eLearning Themen andererseits zu widmen war eine ebenso hilfreiche Orientierung wie die Chance, an Thementischen und Workshops nicht nur vom Wissen der Vortragenden, sondern auch von den (wertvollen) Erfahrungen anderer Konferenzteilnehmer_innen zu partizipieren. Das machte die Tagung zu einem lebhaften Forum des wissenschaftlichen Austausch, dessen Praxisbezug dennoch nicht zu unterschätzen ist. Lediglich die Tatsache, dass man bei der Wahl der einzelnen Veranstaltung nicht wusste, ob diese einen eher wissenschaftlichen Fokus (auf einer Meta-Ebene) oder einen (übertragbaren) Praxisbezug als zentrale Aussage hatte, schmälerte bei manchen Teilnehmer_innen die Freude über die ansonsten auch organisatorisch perfekt gestaltete Tagung.

Meine persönlichen Highlights waren am Donnerstag die Darstellung eines schweizerischen Leuchturmprojektes eines BWL-Institutes der Uni Zürich und am Freitag die Antwort auf die Frage, welche Ursachen es bei der Übertragung sogenannter Leuchtturmprojekte für die doch oftmals unterschätzten und letztendlich immensen “Klon-Nebenkosten” gibt.

Ein nachhaltiger Leuchtturm in der Schweiz
Ohne Frage fasziniert am BlendedLearning Konzept des Instituts für Banking und Finanze , dass dieses Institut in der Lage war, ein zunächst (großzügiges) Projekt nach Auslauf der Förderung aus eigener Kraft nachhaltig zu finanzieren und somit auch auf Dauer zu etablieren. Der Kunstgriff bestand darin, das für Studierende im Bachelor etablierte BlendedLearning Konzept mit überschaubarem Aufwand für einen kostenpflichtigen Weiterbildungsmaster zu überarbeiten.

Folgende Aspekte haben dieses Vorhaben sicherlich begünstigt oder auch ermöglicht:

  • Veranstaltungen mit den Inhalten “Banking und Finanze” lassen sich gut für die Fortbildung von Mitarbeiter_innen der Wirtschaft vermarkten und werden in aller Regel dann auch zumindest anteilig von den Arbeitgeber_innen finanziert.
  • Die Bankenstadt Zürich verfügt über viele Arbeitnehmer_innen, die den Wunsch / das Bedürfnis haben, sich mit diesen Inhalten auseinander zu setzen und dafür auch Geld zu bezahlen.
  • Zunächst wurden nur einzelne (attraktive) Kurse angeboten, das Angebot wurde sukzessive erweitert und erst vor kurzem durch einen kompletten Master systematisiert.
  • Das Angebot für den Weiterbildungsstudiengang konnte auf umfangreiche Vorarbeiten des BlendedLearning Angebots im bestehenden Bachelors zugreifen

Folgende Aspekte sind weiterhin zu beachten

  • Der Weiterbildungsmaster ist mit einem konsekutiven Master nicht zu vergleichen. Das Niveau der Veranstaltungen orientiert sich viel mehr am Niveau der Bachelorveranstaltungen. Dennoch

Wie sind die BlendedLearning Inhalte entstanden?

  • Zunächst wurde die entsprechende Veranstaltung aufgezeichnet (eLectures) und in OLAT (der Lernplattform der Uni Zürich, die seit dem WS 11/12 auch an der Uni Frankfurt als Zentrale Lernplattform fungiert) bereitgestellt.
  • Zusätzlich wurde für jede Veranstaltung ein Forum erstellt, in dem die einzelne Veranstaltung diskutiert und thematisiert werden kann.
  • Anschließend wurden zusätzliche Lerninhalte im OLAT-Kurs zusammengestellt. Dies können Hinweise auf weiterführende Literatur, diese Literatur selbst oder aber auch Übungsaufgaben sein. Viele Aufgaben wurden als EXCEL-Datei mit der entsprechenden Fragestellung hinterlegt, so dass die Kursteilnehmer_innen ihre Bearbeitung der Aufgabe dann dort oder an anderer Stelle wieder hinterlegen und diskutieren können.
  • Abschließend wurden dann für den Kurse Übungsaufgaben eingestellt, die den Studierenden eine eigenständige Überprüfung Kenntnisstandes ermöglicht (selfAssessment). Diese Assessments enthalten Multiple Choice Fragen, die man nach dem Bearbeiten der Lektionen zu beantworten in der Lage sein sollte. Darüber hinaus gibt es sogenannte Aktivierende Inhalte, Gruppenaufgaben, die dann in (Kleinst)gruppen erarbeitet und innerhalb einer Frist hochgeladen werden müssen. Diese Aufgaben werden bewertet und fließen in die Prüfungsnote ein.

Wie ist das eLearning-Team organisiert und wie ist es finanziert?

  • Der Mehrwert des Forums ist sicherlich, dass Moderatoren auf Fragen im Forum binnen 24h antworten. Hier können also sowohl organisatorische als auch vor allem inhaltliche Fragestellungen diskutiert werden. So erhalten die Studierenden Hinweise auf ungeklärte oder unverstandene Veranstaltungsinhalte. Diese Moderation wird von fortgeschrittenen Studierenden übernommen (in der Regel die besten Studierenden der Vorjahresveranstaltung), die dafür mit Kreditpunkten (3 CP pro Semester) entlohnt werden.
  • Falls die Moderatoren nicht in der Lage sind, Fragen zu klären, wenden diese sich an HiWis (5,5 Vollzeitstellen), die auch für die Erstellung der Inhalte zuständig sind. Diese HiWis rekrutieren sich wiederum aus den Moderatoren der letzten Jahre und bringen daher schon jede Menge Erfahrung mit. Oftmals gehen diese HiWis im Anschluss dann an die Lehrstühle des Instituts und sind dann Ansprechpartner_innen, um neuen Content zu generieren bzw. die HiWis dabei inhaltlich zu unterstützen.
  • Koordiniert wird das E-Learning Team von einer Wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die noch weitere 150% WiMi-Stellen zu ihrer Unterstützung hat. Begleitet wird das Projekt von einem charismatischen, jungen Professor, der das Projekt zunächst auch geleitet und koordiniert hat.
  • Diese Mitarbeiter_innen (HiWis und WiMis), die sowohl die Inhalte des Weiterbildungsstudiengangs als auch des regulären Bachelors betreuen, werden aus den Einnahmen des Weiterbildungsstudiengangs finanziert. Durch den Weiterbildungsstudiengang nimmt die Universität jährlich ca. 500tSFr ein.

Wodurch besticht dieses Projekt?

  • Der Wunsch, ein anschubgefördertes Projekt nachhaltig zu stellen, ist weder neu noch originell. In diesem Fall ist es offensichtlich gelungen. Das verdient Beachtung.
  • Dass gute grundständige Lehre durch einen Weiterbildungsstudiengang querfinanziert wird, ist eine geniale Idee

Was macht eine Übertragbarkeit schwierig

  • Nicht jeder Inhalt taugt für einen Weiterbildungsstudiengang bzw. nicht alles lässt sich so gut vermarkten.
  • Der Weiterbildungsstudiengang benötigt zusätzliche Ressourcen. Ca. 35 der 60 möglichen CP werden mit Inhalten des Bachelors erzielt. Von diesen Inhalten sind ca. 80% recyceled. Der Rest muss zusätzlich generiert werden, insbesondere auch die unverzichtbaren Präsenzphasen, die jedes BlendedLearning Konzept vorsieht und in meinen Augen auch unweigerlich braucht.

Die Übertragbarkeit solcher Leuchttürme
Wie auch schon Anett Hübner in ihrem Blog berichtet hat, war der Workshop zur Frage der Übertragbarkeit von Best Practice Beispielen am Freitag ein lebendiger und interessanter Austausch zu den sehr einprägsam benannten “Klon-Nebenkosten”, die zwangsläufig entstehen, wenn man glaubt, ganz einfach ein bestehendes Projekt an der eigenen Hochschule auch implementieren zu wollen. Die Teilnehmer_innen (von der Hochschulleitung bis zur Masterstudierenden, von der Projektleiterin bis zum Unternehmensberater, der eben von diesen Übertragungsprozessen lebt) trugen ein breites und diverses Bild an Themen zusammen, die man bei der Übertragung von Projekten beachten sollte – und die ggf. dann eben die Klonnebenkosten verursachen. Alles in allem sind das keine völlig neuen Erkenntnisse, aber es ist sicherlich schön sie mal beisammen zu haben.

Hierbei wurden Aspekte genannt, die ich in fünf Kategorien zusammengefasst habe:

  • Situationsanalyse: Oftmals fehlt vor der Übertragung eine Anpassung der Nutzenanalyse. Mit der Übertragung ändert sich auch der “Lebensraum des Projekts”. Bei geändertem Lebensraum kann auch der Nutzen ein anderer sein – und der intendierte Nutzen ggf. z.B. für die Studierenden oder andere Beteiligte gar nicht erkennbar. Hier ist es dann wichtig, die Motivation erneut zu analysieren, um dann auch entsprechend motivieren zu können. Nur wenn auch bei dem übertragenen Projekt eine WIN-WIN-Situation herscht, hat das Projekt die Chance, erfolgreich umgesetzt zu werden.
  •  Dokumentation: Bei der Projektbilanz werden insbesondere Ergebnisse dokumentiert und kommuniziert. Ein Prozess ist aber nicht nur durch diese sondern (noch viel mehr) durch Rückschläge und Fehler charakterisiert. Sind diese nicht bekannt, müssen sie ggf. zum erheblichen Teil selbst erlebt werden. Bei der Dokumentation sollte daher auf eine Prozessorientierte Berichterstattung wert gelegt werden, um so zumindest die einzelnen Prozessschritte nachvollziehen zu können. Solange jedoch Projektverantwortliche kein Return on Invest erhalten, wenn andere ihr Projekt zu klonen versuchen, werden sie auch keine Zeit investieren, eine andere (besser zu verwendende) Form der Dokumentation zu erstellen.
  • Strukturen: Gerade bei Top-Down Maßnahmen ist eine Übertragbarkeit nicht gegeben, wenn dieser Prozess an anderer Stelle auf weniger hierarchische (oder andere) Strukturen trifft. Gerade eLearning-Strukturen sind auf dem Papier als essentiell beschrieben und in der Realität (gerade in der Hochschulleitung) weniger stark verankert. Die infrastrukturellen Rahmenbedingungen sind oftmals unterschiedlich und lassen sich auch für die Übertragung von Projekten nicht verändern (z.B. LernManagementSystem der Universität – in Frankfurt als OLAT, wobei parallel dazu momentan auch noch Moodle und LonCAPA genutzt werden).
  • Personen: Weiterhin wird jeder Prozess maßgeblich durch die Menschen gestaltet, die ihn mit Leben füllen. Seien es engagierte Lehrende, gute Motivierer, strukturierte Koordinatoren oder ein interdisziplinär arbeitendes Team. Diese Menschen lassen sich nicht klonen. Und wer genau für den Erfolg des Projekts verantwortlich ist, lässt sich nicht immer ausmachen. Vielleicht war es auch gerade die Flexibilität, die die Mitarbeiter_innen an den Tag legten. Oder aber es war die fachliche Nähe zwischen zwei Beteiligten, die für unterschiedliche Projektteile verantwortlich waren, die zum Erfolg des Projektes führte. Gerade bei eLearning Projekten sind die Akteure oftmals an unterschiedlichen Hochschulen mit den unterschiedlichsten (wissenschaftlichen) Hintergründen ausgestattet, die dann ggf. eine Zusammenarbeit besonders erleichtern (oder auch erschweren). Diese Dinge sind in der Regeln niemals dokumentiert. Insbesondere das Geflecht an (menschlichen) Beziehungen der Projektbeteiligten in die Hochschule hinein ist kaum übertragbar und kaum zu dokumentieren. Hierbei ist die Kommunikation ein nicht zu vernachlässigender Aspekt bei der Projektumsetzung.
  • Kosten: Oftmals ist nicht klar, welche offensichtlichen (und versteckten) Entwicklungskosten im Projekt stecken. Eine langfristige Finanzierung ist in der Regel nur in Ausnahmefällen sichergestellt – auch das kann ein Unterschied zum ursprünglichen Projekt sein.

Zusammenfassend nehme ich von diesem Workshop drei Gedanken mit:
Wenn man ein Projekt übertragen will, muss man sich überlegen,

  • wie viel man von dem Projekt kennt und was nicht. (Dokumentation!)
  • welche Unterschiede der veränderte Lebensraum zur Folge hat. (NEUE Kosten/Nutzenanalyse)
  • welche menschlichen Aspekte bei der Projektumsetzung zu bedenken sind und ob es möglich ist, Personen aus dem zu übertragenden Projekt für das eigene Projekt zu gewinnen.

Außerdem

Neben diesen zwei Workshops waren auch beide Keynotes der Tagung hörenswert. Prof. Dr. Manfred Wischnewsky berichtete über eScience – also quasi dem eLearning für die Forschung. Matthias Spielkamp von iRights.info erläuterte fundiert und ausgewogen, wie ACTA entwickelt wurde und welche Auswirkungen ACTA in Deutschland und der Welt haben würde. Auch wenn hier kein direkter Bezug zum eLearning bestand, war der Vortrag insbesondere auch durch den eloquenten Redner (“Ich präsentiere heute in einer völlig neuen Form: Dem mündlichen Vortrag!”) interessant. An dieser Stelle sei jedoch nur auf das entsprechende PDF (Link folgt noch!) verwiesen. Über die kritische Reflexion der im Unterricht eingesetzten Interaktiven Whiteboards werde ich (hier?) später noch berichten. Über den OPCO11 berichtete Claudia Bremer von studiumdigitale. Dort findet man auch viele spannende Infos dazu.

Kurz will ich abschließend noch zum Thema eScience berichten. In diesem Vortrag drehte sich alles darum, wie auch unsere Forschung von den Errungenschaften des heutigen Internets profitieren kann. Hierzu zeichnete der Vortragende eine umfassende Vision auf, die mit der vernetzten (und öffentlich zugänglichen) Erfassung von Daten (Messungen, Experimente, Zugriff auf Archive über sogenannte Grids) begann. An diese schloss sich eine vernetzte und öffentliche Interpretation und Dokumentation der Daten an. Mir erschloss sich bei diesem Vortag nicht ganz, wie sich diese Vision mit der doch sonst (in Deutschland) üblichen Praxis verträgt, möglichst viele Erkenntnisse für sich zu behalten, um die eigene Publikation nicht zu gefährden. Weiterhin habe ich nicht verstanden, wie es für einen Forscher möglich sein kann, Forschungsergebnisse (Messwerte, Experimente, etc.) über ein Grid (wie Strom aus der Steckdose) zu beziehen, wenn es doch offensichtlich ist, dass schon das Erzeugen von diesen bei einer Interpretation ebenfalls betrachtet werden muss. Prinzipiell finde ich den Gedanken der eScience spannend, vor allem auch vor dem Hintergrund der Forschungsorientierten Lehre, wie sie sich ja auch im Leitbild der GU wiederfindet. In meinen Augen blieben aber bei diesem Vortrag zu viele Fragen offen – oder ich habe deren Beantwortung schlicht nicht verstanden.

Über Anmerkungen oder Kommentare zu diesem Bericht – sei es nun online oder offline – freue ich mich schon jetzt sehr.

7 Wochen auf Facebook verzichten?

Ja – zugegeben, es fällt mir schwer. 7 Wochen ohne Facebook ist gar nicht trivial, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat. Aber in der Tat, man beginnt irgendwann mit der Substitution. Und das Ergebnis ist hier zu lesen.

Bloggt man heutzutage überhaupt noch? Und wenn ja was? Wer liest das noch? Und warum? Nach einem Jahr des gar nicht gewöhnungsbedürftigen Blog-Fastens bleiben diese Fragen zunächst unbeantwortet und es folgt (morgen?) stattdessen der Bericht einer Tagung, die ich letzte Woche besuchte und dort auch das Twittern wieder für mich entdeckte. Alles gleichzeitig geht eben nicht. Und auf alles zu verzichten ebenso wenig.  Facebook fasten heißt also, anderes (wieder)entzudecken. Von wegen Verzicht!

Das ist doch die Frage: Was ist lommelich?

Die gute Seite der Forschung: http://www.sciencemovies.de/

Das ist eine schöne Werbung für die Forschung in Deutschland und gibt vielleicht auch einen Anstoß, über eigene Vorlieben nachzudenken, wenn es um die Studienwahl geht.