Predigt zu Römer 12 vom 10.01.2016

Liebe Leserinnen und Leser, die Predigt vom vergangenen Sonntag stelle ich gerne zum Nachlesen zur Verfügung. Es gilt das gesprochene Wort.

I.

Liebe Gemeinde,

Gottesdienst, das ist Wort. Das wissen und kennen wir. Viele schätzen das auch. Für den einen oder die andere könnte es vielleicht auch etwas weniger Wort sein – aber wenn ich hier und heute aus diesem Gottesdienst ein interaktives Miteinander machen würde und jede und jeder genötigt wäre, vom Platz aufzustehen und etwas zu tun, würde das sicherlich nicht nur Anklang finden.

Gottesdienst ist aber auch Tat, so lesen wir es heute bei Paulus in unserem Predigttext, eine Brief, den er an die Gemeinde in Rom schreibt. Keine Angst – Sie dürfen alle sitzen bleiben, Paulus hat es auch nicht auf die bei didaktisch versierten Lehrenden sogenannten „aktivierenden Methoden“ abgesehen, die ich auch schon immer mal in eine Predigt einbauen wollte, nein, er schreibt nicht vom sonntäglichen, sondern viel mehr von unserem alltäglichen Handeln. Hören Sie den ersten Teil unseres Predigttextes aus dem 12. Kapitel, die Verse 1-3:

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Denn ich sage euch durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

II.

Paulus ruft die Gemeinde auf, sich als lebendiges Opfer hinzugeben. Das darf nicht missverstanden werden. Der Opferkult war im alten Rom Gang und Gäbe, es wurden allerdings Tiere geopfert, um die Götter milde zu stimmen, es wurde das geopfert, wo von man glaubte, dass es den Göttern ein Wohlgefallen sei. Paulus greift diesen Brauch auf, ruft aber dazu auf, durch das eigene Handeln zu tun, woran Gott Wohlgefallen empfindet. In einer Übersetzung des Hannoveraner Pastors Christian Burandt wird die Aussage des Textes noch deutlicher, er formuliert es so: Bringt euch mit Leib und Seele als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer dar. Das sei euer dem Wort entspringender Gottesdienst. Oder um es mit den Zeilen eines bekannten Liedes zu sagen: Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe sind Worte und Taten. Für uns mag der sonntägliche Gottesdienst der Einkehr, der Umkehr, der Bestärkung dienen – tags darauf sollen wir aber, so Paulus, durch unser Handeln auch Gottesdienst feiern. Bleibt die Frage, woran der Gott an den wir glauben, nun seinen Wohlgefallen findet. Wir haben in der Lesung (Jesaja 42, 1-4) gehört, dass es sein Sohn ist, an dem er Wohlgefallen findet – eine Vorhersagung in Jesaja, die dann im 12. Kapitel des Matthäusevangeliums (Vers 20) wieder aufgegriffen wird. Wir hören über das Handeln, dass Gott gefällt: Eben nicht schreien, das geknickte Rohr nicht zerbrechen, den glimmenden Docht nicht auslöschen. Diese Sanftmütigkeit kann Richtschnur für unser Handeln im Sinne eines gelebten Gottesdienstes sein. Es ist auch genau das, was den Zauber der Weihnachtsgeschichte für mich ausmacht, die uns vor kurzem wieder an vielen Orten und auch hier auf dem Kirchplatz sehr plastisch vorgespielt wurde: Es ist der himmlische König, der sich eben nicht den Insignien der irdischen Königsherrschaft bedient. Das Kind nicht in Purpur – sondern in Heu und Stroh, nicht im stabilen politischen Setting im Schutze eines königlichen Hofes, sondern unterwegs zwischen allen Fronten in einem Stall. So wie es mit der Weihnachtsgeschichte beginnt, so setzt es Jesus durch sein Handeln fort: Nicht laut, sondern sorgsam und fürsorglich, den Schwachen, dem bereits geknickten Rohr, zugewandt.

III.

Viele von uns handeln bereits so – engagieren sich, gerade jetzt, aber auch schon seit langem. Das tut Not – heute vielleicht noch mehr als bisher. Und dann gehört es auch dazu, sich nicht zu vereinnahmen zu lassen, wenn es Menschen gibt, die z.B. die aktuellen Geschehnisse am Kölner Hauptbahnhof nutzen wollen, um eine fremdenfeindliche Stimmung im Land zu schüren – was ihnen leider gelingt. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom – und ich lese es noch einmal in der, wie ich finde sehr feinfühligen, Übersetzung von Pastor Burandt. „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr ein sicheres Urteil darüber gewinnt, was der Wille Gottes ist: nämlich das Gute und ihm Wohlgefällige und das Vollkommene.“

Dieses gute, wohlgefällige, das sanftmütige Handeln, das ist Gottesdienst. Kein lautes Poltern, sondern sorgsam bedachtes, reflektiertes Tun – und sich nicht vereinnahmen lassen von denen, die laut polternd durch die Straßen ziehen. Das ist in der aktuellen Situation und Diskussion um die Vorkommnisse in Köln wichtiger denn je.

Es gibt in unserer Gesellschaft sexualisierte Gewalt und Sexismus gegenüber Frauen – nicht erst seit Sylvester. Das hat auch die „Aufschrei-Debatte“ vor ein paar Jahren gezeigt. Was aber tatsächlich anders ist, ist, dass diesen Frauen nun geglaubt wird und sie nicht, wie vor einigen Jahren, oftmals belächelt wurden. Wir sollten uns hier auf unsere christlichen, auf unsere evangelischen Maßstäbe besinnen. Die sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist nicht zu tolerieren und lässt sich auch nicht durch alkoholisierte Täter oder sonst irgendwie entschuldigen. Es ist dabei aber völlig unerheblich, welcher Ethnie die Täter angehören und ob wir über den Kölner Hauptbahnhof oder das Münchner Oktoberfest sprechen. In einer EU-weiten Studie gaben 55 Prozent der Frauen an, sexuelle Belästigung erlebt zu haben, wie in einem Kommentar von Margarete Stokowski auf Spiegel online zu lesen ist. Frauenrechte und Feminismus dürfen nicht instrumentalisiert werden, um Rassismus zu legitimieren, formuliert es die Bloggerin Anne Wizorek im ZDF.

Gleichwohl haben wir als uns als Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ein Selbstverständnis von Werten und Normen erarbeitet, das es kontinuierlich weiter zu entwickeln gilt, auch wenn sich unsere Gesellschaft durch die Zuwanderung von Menschen, in deren Herkunftsländern andere Werte und Normen gelten, verändert. Daher müssen wir natürlich auch über Geschlechterordnungen in arabischen und nordafrikanischen Ländern sprechen – aber wir sollten diese unterschiedlichen Debatten voneinander trennen.

Unser Handeln sollte durch den liebevollen Umgang mit anderen Menschen charakterisiert sein. Und das bedeutet in meinen Augen, „dass alle Menschen grundsätzlich das gleiche Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit haben. Sowohl das Recht, nicht ohne Einverständnis angefasst zu werden als auch das Recht, anderswo – also auch hier – zu leben. Denn wenn man die einen abschiebt, müsste man konsequenterweise auch die anderen rausschmeißen,“ so formuliert es Hanno Terbuyken auf evangelisch.de. (Siehe auch dazu einen Kommentar von Antje Schrupp.)

Natürlich kostet es Kraft, Zeit und Geld, unsere Werte und Normen immer wieder so zu konkretisieren, zu kommunizieren und zu praktizieren, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft sehen, verstehen und erlernen, auf welcher Basis, welchem Konsens, auf welchem „Commen Ground“ unser Zusammenleben basiert. Aber dabei ist es völlig unerheblich, ob es um Jungen aus traditionellen muslimischen Familien, russischstämmige Christen oder um deutsche Machos geht (ebd.).

IV.

Natürlich braucht es hier Engagement, auch den Menschen gegenüber, die aus anderen Ländern nach Deutschland geflüchtet sind. Es bedarf bestimmter Gelingensbedingungen: Ein engagiertes, ehrenamtliches Handeln, so wie ich es hier im Zusammenhang mit den geflüchteten Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Bockenheim und in Frankfurt erlebe, gehört für mich genau dazu. Das ist Gottesdienst in Paulus Sinne – eben gerade weil der Dienst sanftmütig ist, weil wir uns dem geknickten Rohr zuwenden. Weil es das ist, von dem ich glaube, dass Gott seinen Wohlgefallen daran findet. Aber Paulus hat noch weitergehende Vorstellungen von diesem gottesdienstlichen Handeln, er schreibt: Denkt nicht höher von euch, als zu denken sich gebührt, sondern seid auf eine besonnene Selbsteinschätzung bedacht nach dem Maß des Glaubens, das Gott einem jeden zugeteilt hat.

Paulus sagt also nicht nur, was wir tun sollen, sondern auch wie wir über unser Handeln sprechen. Es geht bei diesem gelebten Gottesdienst also nicht darum, der Größte sein zu wollen und mit dem Geleisteten zu prahlen. Genauso wenig bedeutet es aber, dass man sein Licht unter den sprichwörtlichen Scheffel stellen soll, wie es die Evangelisten fast gleichlautend schreiben. Weder prahlen noch negieren: Beides kann man sich für das alltägliche Gottesdiensthandeln, sei es nun hier in der Kirchengemeinde, im Stadtteil oder darüber hinaus, immer wieder klar zu machen. Diese besonnene Selbsteinschätzung sollte dann auch dazu führen, sich nicht selbst zu überschätzen und mehr zu tun, als man zu tun in der Lage ist, sondern einmal „Nein“ zu sagen, wenn man keine Kraft mehr hat, zu wissen, dass man gut ist und es gut macht, es aber auch andere gibt, die gut sind und man nicht unersetzlich ist. Sondern dass man darauf vertrauen kann, dass es auch andere gibt, die sich ebenfalls engagieren können und wollen. Schließlich sollten wir bei all dem nicht vergessen, dass wir nicht aus uns selbst heraus handeln, sondern aus dem Glauben heraus, den Gott einem jeden und einer jeden von uns zugeteilt hat, wie es Paulus schreibt, – und eben nicht nur uns, sondern seiner geliebten vielfältigen Gemeinde.

V.

Über diese Vielfalt und der Herausforderung spricht Paulus dann im zweiten – weitaus bekannteren – Teil unseres Textes.

Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied, und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß. Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er. Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gerne.“

Eine Frankfurter Schule hat den Slogan: „Wir sind verschieden – und das passt.“ Das trifft auch sehr gut auf das zu, was Paulus schreibt. Wir sind heute mehr denn je eine diverse und diversifizierte Gesellschaft. Wie gesagt: Es ist aufwendig und braucht kontinuierliche Aufmerksamkeit, in einer solch vielfältigen Gesellschaft die Details der Basis des Zusammenlebens zu erörtern, zu definieren und dafür einzutreten, damit diese Definitionen auch Bestand haben. Aber jenseits dessen können wir diese Vielfalt tatsächlich als ein Geschenk Gottes verstehen. Im sonntäglichen wie auch im alltäglichen Gottesdienst. Ich bin froh, dass ich nicht auch noch die Orgel spielen muss – und sie können es auch sein. Ich bin froh, dass auch in meinem sonstigen Ehrenamt, das tun kann, was ich gut und gerne mache, aber ebenso gilt das doch für unseren Arbeitsalltag. Diese wunderbare Vielfalt sollten wir als Geschenk und als Chance begreifen, auch wenn sie uns an der einen oder anderen Stelle herausfordert. Wir sollten das, was wir tun, mit Lust tun, aber ohne uns über den anderen zu erheben oder mit unserem Anteil zu prahlen. Hier können uns die Weisen aus dem Morgenland, deren Ankunft wir am gerade vergangenen Epiphaniastag gedenken, ein Vorbild sein. Sie weiten den kleinen Stall und stellen das Tor zur restlichen Welt da – die Welt zu Gast in Bethlehem, wie es Dekanin Schön am vergangenen Sonntag sagte. Diese Weisen sind zum einen jeher Sinnbild der menschlichen Vielfalt, orientieren sich aber zum anderen  hin zu dem einen Stern, der über der Krippe steht. Er zeigt ihnen den Weg und gibt ihnen Orientierung. Ich wünsche uns auch nach Weihnachten diesen Stern, wie wir es eben gesungen haben, damit wir trotz aller Vielfalt wissen, in welche Richtung wir gehen sollen, was unser gottesdienstliches Handeln sein kann, woran Gott seinen Wohlgefallen hat.

Und wenn es uns dann gelingt, in all unserer Vielfalt, aber in der Einheit Jesu Christi sanftmütig in unserem Alltag zu handeln, dann bleibt durch unser Tun der weihnachtliche Zauber auch über die Weihnachtszeit hinaus in dieser unsren einen Welt. Amen.

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